BAUKASTEN IM GROSSEN

Walter Gropius’ Baukasten im Grossen war weit mehr als ein Klötzchenspiel: Für Dessaus weltbekannte Bauten der Bauhaus-Ära lieferte das 1923 entwickelte Entwurfsprinzip eine wichtige gedankliche Grundlage. Zum 100-Jahr-Jubiläum des Bauhaus lohnt sich der Blick zurück in seine Entstehungszeit.
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Dezente Farbigkeit und schlichte Gliederung prägen die Fassade der Reihenhäuser.  
Zeichnungen: Bauatelier Gropius 1926

Genauso wie man in der Fabrik aus einzelnen Teilen Fahrzeuge zusammensetzt, sollten nach Walter Gropius’ Idee des Baukastens im Grossen Häuser gebaut werden können. Sechs rechteckige, teils abgewinkelte Volumen in der Grösse mehrerer Räume sollten sich dabei in unterschiedlichen Kombinationen zu «Wohnmaschinen» zusammenfügen lassen. Mit dem zweigeschossigen Wohnraum als Grundmodul waren die Baukasten-Häuser volumetrisch erweiterbar, sich stets ähnlich, doch nie gleich. Gropius, der sich seit 1910 intensiv mit den Möglichkeiten des industriellen Bauens befasste, schuf mit der Verwendung wiederkehrender Raumzellen die Grundlage für die Typisierung einzelner Bauteile und damit für eine industrielle Produktion. Die Hausgrundrisse sollten nach seinem Prinzip jedoch ihre grösstmögliche Variabilität behalten.

Die Fertigung in Serie galt in der damaligen Bauwirtschaft als ökonomische Zauberformel. So dienten einige der Varianten, die sich mit dem Baukasten-Verfahren zusammenstellen liessen, als Vorlagen für Serienhäuser. Nach dem Umzug des Bauhauses nach Dessau bot sich dem Bauatelier Gropius 1926 erstmals die Möglichkeit, diese Überlegungen in grösserem Massstab umzusetzen. Die Stadt Dessau knüpfte grosse Erwartungen an die Beauftragung des Bauhausdirektors und die Innovationskraft aus dem Umfeld der Schule. Schliesslich hoffte sie, dass sich mit neuen baulichen Mitteln und Methoden die Wohnungsknappheit eindämmen liesse. Die Siedlung Dessau-Törten, die bis 1928 in drei Etappen entstand, wandelte sich zum Versuchslabor im Erproben neuartiger Bauverfahren und Baumaterialien. Neben Frankfurt Praunheim oder dem Stuttgarter Weissenhof ist sie eine der grossen Versuchssiedlungen der Moderne.

In den Häusern der zweigeschossigen Zeilen entstand Wohnraum mit 57 bis 76 Quadratmeter, der mit einem Preis von zehntausend Reichsmark auch für Arbeiter leistbar war. Die je 400 m2 der langen, schmalen Gartenparzellen hinter den dicht gedrängten Häusern bewirtschafteten die Bewohner zur Selbstversorgung. Als sozialer Mittelpunkt der Siedlung entstand an einer zentral gelegenen Strassenkreuzung der mehrgeschossige, weiss verputzte Bau des Konsumvereins. Er brachte städtischen Charakter ins Quartier und zusammen mit weiteren experimentellen Einzelbauten Abwechslung zwischen die repetitiven Reihen.

Während die in der Gesamtanlage der Siedlung umgesetzte Idee der Gartenstadt damals ein probater reformerischer Ansatz war, wirkte das moderne Aussehen der Häuser in ihrer kubischen Strenge ungewohnt. Gropius verfolgte mit der Siedlung zweierlei: zum einen die Kosten der Arbeiten durch einen fordistisch geprägten Bauablauf niedrig zu halten. Zum anderen war es für ihn eine Experimentierbaustelle, auf der er neue Bautechniken und deren architektonische Ausdruckmöglichkeiten erproben liess. Die beiden sich teils widersprechenden Ziele bewirkten, dass ökonomische Versprechen uneingelöst blieben und das ambitionierte Siedlungsbauprojekt in die Kritik geriet

Der starke Fokus auf die Baurationalisierung hatte für die schmalen Reihenhäuser der Siedlung die bauliche Reduktion aufs Minimum zur Folge. Deren Erweiterbarkeit, wie es der Baukasten im Grossen vorsah, verlor dadurch für die Ausführung mehr und mehr an Bedeutung. Anders verhielt es sich mit den vier Meisterhäusern, die Gropius 1925 in einem Kiefernhain unweit des Dessauer Bauhauses schuf: Ohne finanziellen Druck entstanden hier mit den modernsten Verfahren kubisch gefügte Häuser. Ihrer wechselhaften Geschichte zum Trotz sind sie bis heute Demonstrationsobjekte, die das Prinzip der Typenhäuser im additiven Entwurfsverfahren des Baukastens im Grossen veranschaulichen.

Entwurf eines Typenserienhauses von Walter Gropius als Baukasten im Grossen. (1)
Gesamtlageplan der Bauhaussiedlung Dessau-Törten mit den drei Bauphasen. (2)  
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Filigrane Stahlfenster und Decken aus Stahlbetonelementen wurden auch im Haustyp Sietö IV verbaut. (3)    
Der städtisch wirkende Bau des Konsumvereins bildet das Zentrum der Siedlung. (4)  
Zeichnungen: (1) Walter Gropius 1923.  (2) Bauatelier Gropius ca. 1929 Fotos: Emil Theis ca. 1929 (3/4)
1) Das Meisterhaus Muche und Schlemmer nach dessen Instandsetzung 2011. 2) Die Siedlung Törten wurde durch ihre Bewohner weitergebaut. Heute ist nur das Haus Anton noch im Original erhalten.  
FOTO: Yvonne Tenschert, 2011, Stiftung Bauhaus Dessau

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