EIN RELIKT DES METABOLISMUS – DER NAGAKIN CAPSULE TOWER

Einsam steht der 1972 fertiggestellte, 13-stöckige Doppelturm, an dem 144 graue Module mit Bullaugen angebracht sind, heute in Ginza, dem Vergnügungsviertel von Tokio. Ursprünglich als Wohn- und Büroturm genutzt, gleicht der Nakagin Capsule Tower heute einem rostenden Raumschiff, das in einem Meer gleichförmiger Bürogebäude gestrandet ist.

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Der Capsule Tower von Kishu Kurokawa ist eines der ganz wenigen Beispiele aus der Architekturrichtung des Metabolismus, die auch wirklich realisiert wurden. Die Vision einer Stadt der Zukunft war insbesondere für Tokio ein wiederkehrendes Thema, denn die im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstörte Metropole wurde mehr oder weniger komplett neu aufgebaut und eignete sich deshalb auch gut für städtebauliche Experimente. Die futuristischen Entwürfe eines Kishu Kurokawa oder Kenzo Tange wurden in den sechziger Jahren zwar medienwirksam präsentiert, in der Regel jedoch nicht verwirklicht. Auch der Capsule Tower sollte ursprünglich eigentlich nur der Prototyp einer ganzen Siedlung im gleichen Stil sein.

 

Spezielle Konstruktion
Um die zwei 13-stöckigen Kerne, welche neben den Treppenhäusern und Aufzügen auch die gesamte Versorgungstechnik beherbergen, wurden spiralförmig insgesamt 140 winzige Einzimmer-Appartments eingehängt. Sie alle sind in modularer Bauweise entstanden. Die Innenausstattung war dabei ebenfalls standardisiert, doch immer geprägt vom geringen Platzangebot. Raum war und ist bis heute teuer in Tokio. Und so bildeten diese durchorganisierten Lebensraumzellen zu jener Zeit ein Modell für eine zukunftsweisende Stadt- und Lebensplanung.

 

Geschichte
Architekt Kurokawa hat sich immer dagegen verwehrt, dass sein Capsule Tower die Individualität des Menschen zu standardisieren versuche. Gemäss seiner Theorie hätten die unterschiedlich zusammenstellbaren Ausstattungsvarianten der Kapseln den Bewohnern des Towers ein Höchstmass an Individualität ermöglicht. Wer ihn in den vergangenen Jahren besuchte, konnte aber feststellen, dass auch 140 Varianten keine wirkliche Individualität erlauben. Wenn der persönliche Wohnraum bis auf die Ebene des täglichen Bedarfs – sogar Zahnbürsten waren Teil der Einrichtung – durchgeplant wird, ist dies schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Hinzu kam die Tatsache, dass der extrem begrenzte Wohnraum nur geringe Freiheitsgrade zur persönlichen Entfaltung offen liess. Auch von Kurokawas Vision eines sozialen Austauschs innerhalb des Turms – wie auch über ihn hinaus – ist nichts erkennbar. Dies liegt vor allem am völligen Fehlen von gemeinschaftlich genutztem Raum. Also doch ein gescheitertes soziales Experiment? Man ist geneigt, dem zuzustimmen.

 

Aktueller Zustand und Zukunft
Rund 40 Jahre nach seiner Errichtung befindet sich der Capsule Tower in einem beklagenswerten Zustand. Die Fassade korrodiert, einige Kapseln sind vollgestopft mit Gegenständen des täglichen Lebens, andere klinisch sauber und technisch durchgestylt, wieder andere sind unbewohnbar. Vom Designobjekt bis zur Müllhalde sind alle Übergangsformen vorhanden und sie alle zeigen, dass der Capsule Tower eben mehr ist als eine Architekturikone. Es ist der Lebensraum für Menschen, die sich hier ihre individuelle Nische geschaffen haben. So uniform, standardisiert und modular sich der Capsule Tower von aussen präsentiert, erweist er sich bei näherer Betrachtung eben doch als Ausdruck persönlicher Individualität. Und so stellt sich die Frage, ob der fortgeschrittene Verfall Symbol einer zu Recht überholten Architekturidee ist, eines nicht eingelösten Versprechens an die Zukunft. Abriss oder Erhalt?

 

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