EIN TRAUM ALS TRIEBFEDER FÜR KREATIVITÄT

Axelle Marchon hat 2016 an der ETH Lausanne den Master in Architektur erhalten. Das von Prof. Emmanuel REY betreute Masterprojekt zur Aktivierung des Nachhaltigkeitspotenzials in städtischen Agglomerationen wurde mit dem Prix de Ville d'Ecublens ausgezeichnet. Während ihres Studiums begeisterte sie sich für das Projekt NeighborHub und übernahm auf der Ebene der Studierenden das Management des Architekturbereichs. Mittlerweile ist sie für die Umsetzung des Projekts im Smart Living Lab zuständig. In diesem Zusammenhang organisiert sie die Werbung sowie die Begleitung und Nachbearbeitung der Besichtigungen des NeighborHub im Innovationsquartier blueFACTORY in Freiburg.
Der NeighborHub setzt sich aus Mehrzweckräumen zusammen, damit im Haus jede Art von Tätigkeit ausgeübt werden kann.
Dokument: EPFL

Wie ist es zu Ihrer Mitwirkung an diesem Projekt gekommen?

Axelle Marchon: Begonnen hat alles mit einem Sommer-Workshop im Jahr 2014. Ich hatte mich aus Neugierde für diese Veranstaltung angemeldet, weil ich mich für die Frage interessierte, wie sich die Solartechnik in ein Gebäude integrieren lässt, und weil ich ein wenig aus dem rein akademischen Rahmen des Studiums heraustreten wollte. Die einfache Idee, ein Solarhaus zu planen und zu errichten, hat sich dann sehr rasch auf die Realisierung eines umfangreichen Projekts ausgeweitet, an dem sich Studierende und Professoren verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen von vier Hochschulen beteiligten (ETH LausanneHochschule für Technik und Architektur in FreiburgHochschule für Kunst und Design in Genf sowie die Universität Freiburg). Ein Abenteuer, initiiert und geleitet von Prof. Marilyne Andersen, Dekanin der Fakultät ENAC (Faculté de l’Environnement Naturel, Architectural et Construit) der ETH Lausanne, das mit einem Traum beginnt, getragen von einer positiven Zukunftsvision. Diese geht weit über das einfache Solarhaus hinausgeht und endet mit dem Sieg des US Solar Decathlon 2017 Wettbewerbs in Denver, Colorado! Der Abschluss dieses grossen Abenteuers ist nun sogar der Beginn einer neuen tollen Geschichte: Im letzten Winter wurde der NeighborHub auf dem blueFACTORY-Gelände in Freiburg wieder aufgebaut und ist damit zu neuem Leben erwacht.

NeighbourHub_axonométrie-éclatée
Aufgegliederte Axonometrie der vorgefertigten Holzmodule.
Dokument: EPFL
NeighbourHub_enveloppe
Schema der Zusammensetzung der 100%-produktiven Gebäudehülle des NeighborHub.
Dokument: EPFL

Was waren Ihre Beweggründe?

AM: Ich habe es schon immer spannend gefunden, ein Architekturprojekt zu entwickeln und dabei von einem Energiekonzept auszugehen … Dabei geht es darum, nicht nur Gebäude zu konzipieren und zu errichten, in denen Menschen leben, sondern Gebäude zu entwickeln, die gewissermassen ebenfalls leben, indem sie in einer Wechselbeziehung mit ihrem Umfeld stehen. Das Gebäude wird also als Basis für das Energie- und Wassermanagement oder für die Förderung der Biodiversität genutzt, wobei dies auf ein ganzes Quartier ausgedehnt werden kann. Der NeighborHub ist in dieser Hinsicht beispielhaft, denn er ist ein Ort, der ausgehend von den verschiedenen Komponenten des Bauwerks einen Austausch und Experimente zu den umwelt- und energiebezogenen Herausforderungen ermöglicht, die uns alle betreffen. Es handelt sich um einen ganzheitlichen Ansatz, mit dem Fragen im Zusammenhang mit dem Energiemanagement, der Wasserbewirtschaftung, der Abfallentsorgung, dem Lebensmittelmanagement, dem Mobilitätsmanagement, dem Baustoffmanagement und der Biodiversität im Allgemeinen behandelt werden. Das Ziel besteht letztlich darin, geeignete Vorgehensweisen zu eruieren und unser Verhalten zu ändern, um unseren Energieverbrauch zu senken und gleichzeitig die natürlichen Ressourcen zu schonen.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Projekt gezogen?

AM: Ich konnte konkrete Erfahrungen mit der Planung und Errichtung eines Gebäudes machen, das aus energetischer und gesellschaftlicher Sicht im Zusammenspiel mit seinem Umfeld funktioniert. Persönlich sehr bereichernd und lehrreich waren auch der Austausch und die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren und den beteiligten Vertreterinnen und Vertretern anderer Berufszweige (Design, Kommunikation). Die konkrete Erfahrung dieser Interdisziplinarität war sehr anregend und gab mir die Möglichkeit, die Fähigkeit zur Erarbeitung eines Konsenses zu entwickeln, statt mit einem schlechten Kompromiss stecken zu bleiben.

Bilder: Patrick Clémençon

Der NeighborHub ist ein Paradebeispiel für ein modulares und variables Gebäude! …

AM: Absolut… es muss klar zwischen den beiden Arten von Modularität unterschieden werden, um die es hier geht: einerseits die Modularität aufgrund der vorgefertigten Bauelemente, d. h. der Module, aus denen sich das Gebäude zusammensetzt, und andererseits die Modularität im Zusammenhang mit der flexiblen Einrichtung entsprechend der beabsichtigten Nutzung. Wir haben uns für ein modulares Konstruktionssystem entschieden, zum einen weil wir in der Lage sein mussten, das Gebäude möglichst einfach und innert kürzester Zeit zu transportieren, zu errichten und wieder zu demontieren. So konnten ganze vorgefertigte Bauelemente unverändert in die Vereinigten Staaten transportiert werden, damit wir dort am Solar Decathlon in Colorado teilnehmen konnten. Was zum andern das Konzept des Gebäudes betrifft, muss das Haus in verschiedene Umgebungen eingefügt werden können und unterschiedlichen Bedürfnissen entsprechen, da es sich ja um ein Gebäude handelt, das Teil eines Quartiers bildet. Somit war klar, dass es problemlos anpassbar sein muss. Da wir uns für das Baukastenprinzip entschieden hatten, konnten wir beispielsweise ein Küchenmodul ohne Weiteres durch ein Werkstattmodul ersetzen, ohne dass sich dadurch die Struktur insgesamt veränderte.

Wie werden diese Module untereinander verbunden und zusammengefügt?

AM: Der zentrale Bereich des NeighborHub, der thermisch gesteuert wird, besteht aus vier funktionalen Modulen. Darüber verläuft ein ebenfalls modularer Installationskanal. Das Ganze liegt zwischen einem Boden und einer Decke aus Holzelementen, die mit einer regelmässigen Struktur angeordnet sind. Um die vier Seiten des zentralen Bereichs herum ist eine teilweise aussen liegende Galerie angeordnet, die sich ebenfalls aus Modulen zusammensetzt, wobei deren Funktionen abhängig von ihrer Ausrichtung unterschiedlich sind.

Die Gebäudehülle besteht ebenfalls aus einzelnen Bauelementen: Photovoltaikmodule, Module für thermische Solarenergie sowie transparente und lichtdurchlässige Elemente für die Aussensicht und die passive Nutzung der Sonneneinstrahlung. Je nach Lüftungsbedarf können ganze Teile der Gebäudehülle manuell geöffnet werden. Einige Verglasungen auf der Nordseite sind mit LEDs versehen und haben beispielsweise eine Kommunikationsfunktion: Entsprechend dem festgelegten Farbencode zeigen verschiedene Farben unterschiedliche Arten von laufenden Aktivitäten innerhalb des Hauses an. Alle diese Elemente können auf verschiedene Arten miteinander kombiniert werden, damit sie unterschiedlichen bebauten Umgebungen und gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen. Dank dieser modularen Planung konnten wir im Zusammenhang mit jedem baulichen Erfordernis eine Nutzungsmöglichkeit schaffen.

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Axelle Marchon.
Bild: Stemutz

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