FERTIGE HOLZELEMENTE STATT NUMMERIERTE BRETTER

Das Bauen hoch in den Bergen prägen seit jeher die verfügbaren Transportmittel. Einst wurden nummerierte Bretter zu Fuss hochgetragen und zu einer Hütte zusammengefügt. Heute fliegen Helikopter bis zu 700 Kilogramm schwere Holzbauelemente auf den Berg und dienen vor Ort gleich noch als Kran.
Monte-Rosa-Hütte von Bearth&Deplazes (2009).
BILDER: Gerri Hofstetter.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Alpinismus zu boomen. Damit die Berggänger auch weiter entfernte Gipfelziele erreichen konnten, entstanden damals die ersten Hütten. Das Bauen auf Höhen weit oberhalb von 2000 Metern und fernab von mit Fuhrwerken befahrbaren Wegen stellte die damaligen Bergführer und Handwerker vor besondere Herausforderungen. Entsprechend stark prägten die Transportmöglichkeiten die Art des Bauens hoch in den Bergen, und sie tun dies bis heute. Jahrzehntelang musste alles Material auf dem Rücken hochgetragen werden. Beim Bauen kamen deshalb zwei Strategien zur Anwendung: Entweder verwendete man möglichst viel vor Ort vorhandenes Material – also Steine – und transportierte nur Holz und Blech für das Dach sowie die Möbel aus dem Tal hoch. Oder man setzte konsequent auf leichte Holzbauten: etwa beim Bau der ersten richtigen Berghütte 1853 auf 3051 Metern Höhe am Grand Mulets oberhalb von Chamonix. Das kleine Holzgebäude wurde zuerst im Tal erstellt, dann in Einzelteile zerlegt, nummeriert und zum gut 2000 Meter höher gelegenen Bauplatz hochgetragen – eine Frühform des vorgefertigten Holzbaus. Auch in der Schweiz orientierte man sich beim Hüttenbau zuerst am Vorbild aus Chamonix. Der Glarner Julius Becker-Becker stellte 1892 unter dem Titel «Die Schirmhäuser des Schweizerischen Alpenclubs» detaillierte Pläne und Empfehlungen zusammen, wie vorgefertigte Berghütten aus Holz zu bauen sind. Darauf basierend realisierte der Schweizer Alpenclub (SAC) zahlreiche Bauten, beispielsweise 1893 die Oberaarjochhütte in den Berner Alpen. Sie wurde zwölf Jahre später sogar erneut demontiert und zum Finsteraarhorn gezügelt, das in vier Stunden Fussdistanz zum Oberaarjoch liegt.

 

Der Heimatschutz mischt sich ein

Einen Paradigmenwechsel erlebte der Bau der SAC-Hütten nach 1905. Grund waren aber nicht neue Transporttechniken, sondern der damals gegründete Heimatschutz. Er empfahl für den Bau von Hütten eine Architektur, die sich an der Charakteristik der Schweizer Alphütten orientierte. Die SAC-Hütten sollten «Feierlichkeit, Intimität und Solidität» ausstrahlen. Das Resultat: trutzige, einfache, kubische Bauten aus Naturstein mit einem Giebeldach. Bis in die 1950er-Jahre prägte dieser Bautypus das Bild der SAC-Hütten. Die Steine für den Bau wurden vor Ort gesammelt und das restliche Material – beispielsweise Zement und Holz – per Muskelkraft den Berg hochtransportiert.

Ein Ereignis sollte künftig einen entscheidenden Einfluss auf das Bauen im hochalpinen Raum haben: Am 12. März 1955 absolvierte der Helikopter vom Typ Alouette II – später auch «Lama» genannt – des französischen Herstellers Sud Aviation seinen Erstflug. Dank ihrer Gas-Turbine konnte die Alouette II rund eine halbe Tonne Last auf Höhen von bis zu 4500 Metern fliegen. Schon bald begann man in Frankreich mithilfe des neuen Helikopters Berghütten aus vorgefertigten Stahlbauteilen zu erstellen. Hierzulande blieb man hingegen bis weit in die 1990er-Jahre der traditionellen Bauweise aus Stein treu. Alleine zwischen 1957 und 1986 wurden 16 SAC-Hütten nach den Plänen des Architekten Jakob Eschenmoser in gemauerter Bauweise neu erstellt oder erweitert. Die Vorteile des Helikopters nutzte man aber auch hierzulande, um Baumaterial hochzufliegen. So war es möglich, die Bauzeiten zu verkürzen und grössere Hütten mit vertretbarem Aufwand zu realisieren.

 

Fliegender Baukran

Heute sind vorgefertigte Holzelemente beim Ausbau und Neubau von SAC-Hütten erste Wahl. Zu den bekannten Beispielen zählen etwa die Capanna Cristallina (Studio Baserga Mozzetti, 2003), die Aufstockung der Capanna Corno-Gries (Silvano Caccia, 2008) oder die Monte-Rosa-Hütte (Bearth&Deplazes, 2009). Für diese neuen Holzbauten transportiert der Helikopter die maximal 700 Kilogramm schweren Elemente nicht nur zum Bauplatz hoch, er dient auch gleich als Kran für die Montage. Transport und Zusammenbau vor Ort sind dadurch zwar vergleichsweise einfach, die Planung und die Produktion der Elemente unten im Tal hingegen eine Herausforderung. Für eine probeweise Montage in der Werkstatt bleibt meist keine Zeit, die Ingenieure müssen auf bewährte Bauweisen und darauf vertrauen, dass der Zusammenbau so funktioniert, wie sie es am Computer simuliert haben: «Für die Montage der Elemente setzen wir auf selbstrichtende Verbindungssysteme, die rasch ineinandergreifen, denn Transport und Montage müssen extrem schnell gehen», sagt Lukas Rüegsegger, Holzbauingenieur bei Timbatec in Bern. Er hat unter anderem den Erweiterungsbau der Dossenhütte oberhalb von Innertkirchen im Berner Oberland begleitet. Schnell müssen die Transporte gehen, weil der Helikopter zwar ein praktisches, aber auch ein teures Transport- und Montagemittel ist. Gut 40 Franken kostet die Flugminute eines Standard-Transporthelikopters derzeit. Ein Preis, der sich summiert. So schlugen die Transporte für den 2003 realisierten Neubau der Topalihütte im Wallis gemäss den Erhebungen des SAC mit rund 188 000 Franken zu Buche – das ist knapp ein Achtel der Gesamtbaukosten von 1,6 Millionen Franken.

Chamanna Coaz (1964) und Capanna Carschina (1968) von Jakob Eschenmoser.
Capanna Cristallina vom Studio Baserga Mozzetti (2003) und Capanna Corno-Gries von Silvano Caccia (2008).

Für die Montage der Elemente setzen wir auf selbstrichtende Verbindungssysteme, die rasch ineinandergreifen, denn Transport und Montage müssen extrem schnell gehen.

Lukas Rüegsegger, Timbatec.

 

Dossenhütte SAC von Bürgi Schärer Architekten (2010).
PLÄNE UND BILDER: Zettel Schultess / Bürgi Schär Architekten

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