LIVING SHELL HAT UNS VORANGEBRACHT

Beim Forschungsprojekt Living Shell waren das Kompetenzzentrum Typologie & Architektur (CCTP) – Technik & Architektur und das Institut für soziokulturelle Entwicklung der Hochschule Luzern sowie das Laboratory of Architecture and Sustainable Technologies der EPFL federführend mit dabei. Das Kompetenzzentrum Typologie & Architektur erforscht dabei die Interaktion zwischen Mensch und gebauter Umwelt. Im Fokus der wissenschaftlichen Arbeit steht die strategische Transformation von Gebäuden und Quartieren.

Prof. Dr. Peter Schwehr, Leiter des Kompetenzzentrums Technik & Architektur, und Dr. Ulrike Sturm, Leiterin Interdisziplinärer Schwerpunkt «Kooperation Bau und Raum», wie sind Sie zum Projekt Living Shell gestossen und was hat Sie an ihm besonders interessiert?

In unserer Forschungsarbeit beschäftigen wir uns intensiv mit ganzheitlichen Sanierungsstrategien von Gebäuden und der qualitätsvollen Innenentwicklung von Quartieren. Die Aufstockung und Erweiterung von Gebäuden nützt Synergien aus den Bereichen der Sanierung und der Verdichtung. Beim modularen Bausystem Living Shell hat uns vor allem interessiert, wie mit einer Stahlleichtbau-Konstruktion der Anspruch, Raum für mehr Nutzende zu schaffen, für unterschiedlichste Typologien von Gebäuden umgesetzt werden kann.

Wie sind Sie dieses Projekt angegangen und wie haben Sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit erlebt?

Wir haben bereits in der Projektentwicklung, das heisst ganz von Anfang an, das Projekt in einem interdisziplinären Team erarbeitet. Unsere Erfahrung zeigt, dass wenn jeder Projektbeteiligte sich mit dem Projekt identifizieren kann, es aufgrund des gemeinsamen Projektverständnisses in der Regel zu keinen Schwierigkeiten zwischen den Disziplinen kommt. Die enge Zusammenarbeit über Disziplingrenzen hinweg, aber auch zwischen Forschung und Praxis, Institutionen und Planenden, Bauherrschaften und Städten, national und international, erfordert eine hohe Planungskultur. Letztendlich liegt aber darin ein wesentlicher Erfolgsfaktor für unser Projekt.

EINE QUALITÄT IST, DASS DURCH DIE VERDICHTUNG EIN MEHRWERT FÜR DAS GESAMTE GEBÄUDE GESCHAFFEN WIRD.

Auf welche spezifischen Probleme und Fragestellungen sind Sie im Projektverlauf gestossen und wie haben Sie diese gelöst bzw. beantwortet?

Eine grosse Herausforderung war sicher der Anspruch, ein System zu schaffen, das für unterschiedliche Typologien funktioniert, spezifisch im Ausdruck sein soll und dennoch modular ist. Wir haben dann ein Set aus 3D-Modulen und 2D-Elementen kreiert. Durch diese Kombination aus vorgefertigten Modulen und Elementen in 3D und 2D verfügen wir nun über eine grosse Flexibilität bei der Umsetzung und können wie gewünscht auf unterschiedliche Typologien reagieren. Ein weiterer Punkt war die Nachhaltigkeits Bewertung von Stahlleichtbau. Holz hat bei der rein quantitativen Betrachtung von Nachhaltigkeit hier gewisse Vorteile gegenüber Stahl. Mit Stahl ist es uns aber gelungen, sehr schlanke und robuste Konstruktionen zu entwickeln. Gerade auf Dächern, wo der Raum in der Regel begrenzt ist, wollen wir den Anteil für Konstruktionen möglichst gering halten.

 

Living Shell
Livingshell Modulart
Livingshell Modulart

DIE VERDICHTUNGSSTRATEGIE DES KANTONS GENF ZIELT DARAUF AB, DIE WOHN- UND GEWERBEFLÄCHEN HÖHER AUSZUNUTZEN. EINE MÖGLICHKEIT IST DIE AUFSTOCKUNG. AUFSTOCKUNG AM BEISPIEL FALLBEISPIEL, AUFSTOCKUNG MIT ‹ LIVING SHELL› CHEMIN DE LA TRAILLE 12 – 36, ONEX GE

BILDER: BAUART

Im Kern geht es bei Living Shell ums Verdichten – wie lässt sich daraus Qualität machen?

Es geht eben um beides: Verdichten und Sanieren. Eine Qualität ist, dass durch die Verdichtung ein Mehrwert für das gesamte Gebäude geschaffen wird. Mit Hilfe dieses Mehrwerts können trotz Sanierungsmassnahmen weiterhin günstige Mieten angeboten und der Zielkonflikt zwischen Sanierung und Erhalt von bezahlbarem Wohnraum gelöst werden. Wenn wir davon ausgehen, dass Verdichtung die Gestaltung von Nähe ist, müssen wir mit dieser Nähe sehr sorgfältig umgehen. Dabei dürfen wir uns nicht nur auf das Gebaute konzentrieren, sondern müssen vor allem dem Dazwischen, dem Zwischenraum, Beachtung schenken. Das war ein ganz wesentlicher Punkt von Living Shell. So haben wir den Aussenraum, zum Beispiel als Dachgärten, immer im modularen Bausystem mitgedacht und mitgestaltet.

Welche Learnings haben Sie aus dem Projekt Living Shell ziehen können?

Der Stahlleichtbau bei Living Shell kann einen wichtigen Beitrag zur qualitätsvollen Innenentwicklung und Sanierung von Gebäuden leisten. Ein interdisziplinäres und einheitliches Begriffsverständnis schafft die notwendige Planungskultur und ist Grundvoraussetzung für den Erfolg des Projekts. Damit nun das gewünschte Multiplikationspotenzial und damit eine vielfältige Anwendung erfolgen kann, muss Living Shell baulich demonstriert werden. Living Shell ist lernfähig konzipiert und soll sich ständig weiterentwickeln können. Wenn es uns gelingt, dass gebaute Beispiele als Leuchttürme fungieren, haben wir ein grosses Ziel erreicht.

Wie bleiben Sie beide in Zukunft am grossen Thema Verdichten dran?

Indem wir weiter das Thema der Verdichtung in den Kontext von Stadtentwicklung stellen und sich unsere Sichtweise nicht schon am Anfang ausschliesslich auf das gebaute Produkt ausrichtet. Wenn wir Innovation schaffen wollen, die sich erfolgreich am Markt etablieren, und einen relevanten Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung im Bauwesen leisten kann, müssen wir in Systemzusammenhängen denken und operieren. Das bedingt, dass wir aus einer ganzheitlichen Optik einzelne Problemstellungen identifizieren, interdisziplinäre Projektteams aus Forschung und Praxis zusammenstellen und eng mit den Entscheidungsträgern für die Umsetzung kooperieren.

Besten Dank für das Gespräch.

Interview: Tamas Kiss

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