MODULARE KONZEPTE IM TOURISMUS

Eignen sich zum Neubau oder zur Erweiterung von Hotels modulare Konzepte? Dieser Frage ging die Modulart-Redaktion nach und fand unterschiedliche Ansätze. Wenige davon sind in der Schweiz bereits umgesetzt, zum Beispiel der Expo-Sleeper oder die Bever Lodge. Eine Reise von Moskau über Hongkong bis Japan.

Sie heissen Sleepbox, Snoozebox, Hive-Inn oder Floatel. Fertige Hotelzimmer, die aufeinandergetürmt, herumgefahren oder wie Boote am Pier vertäut liegen. Am Flughafen Moskau findet der Gast Sleepboxen. Die furnierten Esche-Schlafkabinen sehen hübsch aus und erinnern an raffiniert eingerichtete Zugabteile. Die transportierbaren Schlafzimmer bieten auf kleinstem Raum einen gemütlichen Rückzugsort, ausgestattet sind sie mit Kajüten-Bett, Klapptisch, Schränkchen und Internet. Das Konzept stammt von den asiatischen Capsule Hotels, die es in dieser Form seit rund dreissig Jahren in Japan gibt. Es ist andernorts auch anzutreffen, zum Beispiel in einer Kletterhalle in den USA oder an anderen Flughäfen – die Module werden auch aus glasfaserverstärktem Kunststoff fabriziert. Andere Systeme wie Napcabs sind nüchterner im Stil und erinnern eher an eine Solariumkabine, die Module von Yotel bieten auch grössere Räume an. Sie bestehen aus vorfabrizierten Paneelen mit integriertem Schallschutz und eingebauten Installationen und werden als flaches Paket an Ort geliefert.

Die Luxus-Schlafkabine
Die Schlafkabinen aus Eschenholz bieten an Flughäfen oder in Sportzentren einen schön ausgestatteten Rückzugsort. Mehrere zusammen bilden ein Hotel, in dem die Gäste die ebenso modular gefertigten externen Nasszellen nutzen. Fotos/Visualisierungen: Sleepbox

 

In Japan haben die Yasutaka Yoshimura Architekten Hotelzimmer im Containerformat gebaut und sie zu einem Hoteldorf dem Meeresufer entlang platziert. Ein Modul von 2,4 mal 12 Meter entspricht einem Einzelzimmer, zwei aufeinandergestellte dem Maisonette-Typ. Total bietet das Bayside Marina Hotel 31 Zimmer an. Die Module entsprechen in den Abmessungen den originalen Schiffscontainer, damit sie mit dem Schiff transportiert werden konnten. Denn die Japaner importierten die Module aus Thailand, da sie sowieso das Baumaterial einführen müssen und hohe Lohnkosten haben. Am Platz wurden die Zimmer nur noch auf Streifenfundamente gestellt und haustechnisch angeschlossen. Die Units stehen verschieden ausgerichtet, sind wärme- und schallgedämmt. Die Verbindungen sind nicht geschweisst, so dass sie später umgenutzt werden könnten.

Yasutaka Yoshimura Schiff

Ressourcen bestimmen Modulform
Die zweistöckigen Suiten des Bayside Marina Hotels in Kanagawa, Japan, weisen die exakten Abmessungen eines Schiffscontainers auf, da sie in Thailand gebaut wurden und auf dem Frachtschiff zur Baustelle fuhren. Die weissen Module liegen zuoberst auf dem Frachter. Fotos: Yasutaka Yoshimura

 

Mit dem gleichen Format arbeitet das Ova Studio aus Hongkong: Der Entwurf des Architekturbüros benutzt Schiffscontainer, die in einer gigantischen Struktur aufeinandergestapelt das Hive-Inn City Hotel ergeben. Jeder Container ist ein voll ausgestattetes Hotelzimmer. Die Idee ist, sie von Marken-Unternehmen einrichten zu lassen, um das Hotel finanzieren zu können. Der Clou: Reisende können ihren Container, sprich ihr Hotelzimmer, auf die Reise per Schiff mitnehmen. Zentral ist die Stahlstruktur, in die die Container eingeschoben werden. Ein Kran auf der Spitze lädt die Module vom Lastwagen oder Schiff und schiebt sie in das Stahlgitternetz. Am Rückgrat des Turms docken die Zimmer an einen Korridor an, der mit einem Lift und Treppen erschlossen ist. Unter und über jedem Container befindet sich eine Service-Kassette mit Elektrizität, Belüftung, Wasser und Abwasserrohren. Die Kassetten sind mit Erde gefüllt, damit in leeren Plätzen Pflanzen wachsen könnten. Das Projekt entstand für den Radical Innovation Award 2014, es wurde aber nicht ausgezeichnet.

Gebäudeform je nach Zimmerbelegung
Das Hive-Inn-Hotel ist ein Gitterraster, der mit Containern bestückt wird. Die Container sind voll ausgestattete Hotelzimmer – sie sind auch transportierbar. Die Räume in der exakten Grösse der Schiffscontainer docken am Hive-Inn-Turm an, nutzen seine Infrastruktur und bilden zugleich eine sich verändernde architektonische Struktur. Visualisierungen: Ova Studio

 

hive inn section

Auch mit seinen Gästen unterwegs ist ein System aus England. Die Unternehmung Snoozebox bedient sich ebenfalls des Formats der Schiffscontainer, nur ist ein Modul in vier Räume unterteilt. So fährt das Hotel mit zur Veranstaltung, klappt Treppen, Podeste und Vordächer aus und fertig ist die Unterkunft. Aus der portablen Hotelidee ist der Snoozy entstanden: Hunderte von Schlaf-Units werden von der Unternehmung zum Ort des Festivals gefahren, dort aufgebaut und eingerichtet, so dass zum Beispiel der Rugby-Zuschauer nach dem Match in ein trockenes Bett schlüpfen kann. Das Snoozebox-Konzept lässt sich auch nieder: Seit drei Jahren bietet eine Jugendherberge an wunderschöner Lage in Cornwall 54 Familien- und 2 Behindertenzimmer an.

Fahrbares Hotel
Das fahrbare Hotel entstand in England für Festivals oder Rugby-Matches. Die kleinen Räume wurden von Tangerine designed, sie erhielten dafür letztes Jahr den IF Design Award. Die Räume gibts auch als einzelne Snoozys. Jede Snoozebox misst 3.6m x 2m x 2m. Es können 1 bis 4 Betten installiert werden, am Tag klappt man die Betten hoch. Fotos: Tangerine, Snoozebox

 

Entlegene Orte auf dem Wasser finden Gäste vom schwimmenden Appartment aus. Entspannen in der Natur, Fischen, Baden und zum Nachtessen am Hotelpier mit Bar und Restaurant anlegen bieten das Architektur und Yachtdesignbüro Salt & Water Studio aus dem Binnenland Slowakei. Dieses Konzept soll einen sanften Tourismus auf abgeschiedenen Seen ankurbeln. Die Zimmermodule sind eine Art Katamaran, der sich nur mit einem kleinen Elektromotor bewegen lässt. Der Fokus liegt auf den grossen Fensterflächen und der luxuriösen Ausstattung, nicht auf der Motorenstärke und der Aerodynamik einer Yacht.

Schwimmende Lodge
Im gediegenen Hotelzimmer auf dem See herumdümpeln und an der Bar andocken: Die Luxusvariante des sanften Tourismus aus der Slowakei.
Fotos/Visualisierungen: Salt & Water

Der Rundumblick zeigt, dass visionäre Hotelprojekte auf mobile und flexibel nutzbare Räume setzen. In der Schweiz sind solche Konzepte noch rar. Lesen Sie den Beitrag über die Beverlodge im Engadin, die mit modularer Bauweise ein stimmungsvolles und nachhaltiges Hotel betreibt. Oder die Berglodges in Gadmen, die in modularen Gasträumen an idyllischen Orten auf dem Berg, fernab des Haupthauses Unterkunft bieten – ähnlich wie die Hütten in Skandinavien. Doch warum bedienen sich die Hoteliers in der Schweiz noch wenig der systematischen Bauweise mit vorfabrizierten Zimmern und Hütten? Karsten Schmidt-Hoensdorf, Innenarchitekt von Ida14, ein Architekturbüro spezialisiert auf Hotels, sagt dazu, es könnte mit der Raumgrösse zusammenhängen. Ein Vierstern-Hotelzimmer sei etwa 30 Quadratmeter gross, was sich nicht in einem Modul transportieren liesse. Verbreitet sei jedoch die Nasszellenvorfabrikation. René Meier von Fanzun Architekten, Ingenieure, Berater und Partnermitglied von Hotelleriesuisse, ist überzeugt, dass die Raumzellenbauweise für gewisse Problemstellungen im Hotelbau eine ideale Lösung darstellen kann. Die Bauweise ist schnell und flexibel, für grössere Projekte sind auch wirtschaftliche Vorteile zu erwarten. So hätten sie bei der Kandidatur für die Olympischen Winterspiele Graubünden 2022 und der Planung für das Olympic Village am Thema gearbeitet. Damals wurde auch ein Mockup gebaut, der an verschiedenen Standorten im Kanton Graubünden gezeigt wurde. Andere Projekte seien gerade in der Entwicklungsphase.

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