SERIE UND VARIATION

Modulares Bauen lotet neue Möglichkeiten aus. Das zeigte sich schon bei Jean Prouvé, einem frühen Vertreter dieser Bauweise.

Wenn man sagt, Jean Prouvés Arbeiten seien das Werk eines Architekten oder eines Ingenieurs, so ist das der Versuch, sie gängigen Kategorien zuzuordnen: Im Grunde ist der 1901 geborene Franzose ein Konstrukteur, der als gelernter Kunstschmied Anfang der 1930er-Jahre begann, Häuser in Metall- Leichtbauweise zu entwickeln. Seine Metallwerkstatt in Nancy wandelte sich zunehmend zum Unternehmen, das für die damaligen Bauaufgaben neuartige Antworten fand. Freilich war er damit nicht der Erste. Ihm voran gingen Unternehmen wie die Hirsch Kupfer und Messingwerke im preussischen Eberswalde.

Modulart

Sie produzierten seriell das Kupferhaus, ein ausgereiftes Fertighaussystem, für den deutschen Markt. Der Unterschied lag im Anspruch, den Jean Prouvé zur Grundlage seiner Arbeit machte: Die Elemente für seine Bauten sollten ganz aus umgeformtem Stahlblech gefertigt sein. Er nutzte die modernsten Geräte für die Bearbeitung von Blechen. Es gab Maschinen zum Schwenkbiegen, Gesenkbiegen und Walzrunden, hinzu kamen Autogen- und Elektroschweissgeräte. Entwicklung und Fertigung gingen Hand in Hand. Schliesslich fehlten Erfahrungswerte für die neuartigen Konstruktionsmethoden, die man sich nur über Tüftelei an Prototypen erwerben konnte.

PROUVÉ NUTZTE DIE MODERNSTEN GERÄTE FÜR DIE BEARBEITUNG VON BLECHEN.

Hausbau mit Portalrahmen

1939 meldete Prouvé eine Portalrahmenkonstruktion aus Stahlblech zum Patent an, die er in den Folgejahren in Variationen als Grundlage für eine ganze Produktreihe modular gefertigter Bauten verwendete. Nach dem Krieg gelang es ihm, mit einem Auftrag des staatlich organisierten Wiederaufbaus etwa 400 Stück dieser 8 x 8 Meter grossen ‹maisons portiques› zu errichten. Es waren Unterkünfte für Menschen, die durch die Devastationen der Kriegszeit ihre Wohnungen verloren hatten. Entsprechend war die Aufgabe, damit kurzfristig einen soliden Komfort für unbestimmte Zeit herzustellen. Der Clou an Prouvés innenliegendem Tragrahmen war, dass ihn ein Team aus nur vier Monteuren innert Stunden ohne maschinelle Hilfsmittel aufrichten konnte. Stand der Rahmen mittig in der Hausachse an seinem Platz, wurden die Bodentafeln ausgelegt und die Dachelemente beidseitig entlang einer statisch wirksamen Dachrinne hochgeklappt. Anschliessend wurden pro Gebäudeseite acht formatgleiche Wandpaneele daruntergestellt, Fenster und Türen eingesetzt, Dach und Fugen abgedichtet. An nur einem Tag war so das ganze Haus fixfertig montiert. Warum dieses kleine Haus von solch grossem Interesse für das modulare Bauen ist, zeigt ein Systemvergleich mit dem Londoner Crystal Palace von 1851. Ähnlich wie der handliche Portalrahmenbau machte sein mächtiger, gusseiserner Vorläufer Ernst mit der Elementierung: Der Bau setzte sich aus baugleichen, austauschbaren Guss- und Glaselementen zusammen, deren Abmessungen sich dem Konstruktionsmodul von 24 Fuss unterordneten. Anders als den Konstrukteuren des 19. Jahrhunderts waren Prouvé nicht nur die Vorzüge einer seriellen Herstellung und schnellen Montage wichtig. Leichtigkeit, tiefer Ressourcenverbrauch und damit Einsparungen bei Transportgewicht und Produktkosten waren seine Argumente für den Metallleichtbau. Instinktiv experimentierte er schon früh mit gedämmten Fassadenpaneelen aus Blech und schaute sich vom Fahrzeugbau den Umgang mit dehnbaren Fugen ab. Das Stahlblech, sein bevorzugter Werkstoff, war für ihn nicht sakrosankt: In Abhängigkeit zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten liess er Varianten der Tragrahmenhäuser genauso in Aluminium und in Holz fertigen.

MIT DEN 8 METER BREITEN STAHL-PORTALRAHMEN KONSTRUIERTE JEAN PROUVÉ UNTERSCHIEDLICHE MODULBAUTEN.

QUELLE: JEAN PROUVÉ – ŒUVRE COMPLÈTE, VOLUME 3: 1944–1954. PETER SULZER, BÂLE 2005

400 DIESER ‹MAISON À PORTIQUES› BAUTE JEAN PROUVÉ FÜR MENSCHEN, DIE IM KRIEG IHR HAUS VERLOREN HATTEN.

QUELLE: JEAN PROUVÉ – ŒUVRE COMPLÈTE, VOLUME 3: 1944–1954. PETER SULZER, BÂLE 2005

Vorstellungen, was ein Haus ist, hinter sich lassen

Zeitgleich zu Jean Prouvés Arbeiten entwickelte der in die USA emigrierte Deutsche Konrad Wachsmann das ‹General Panel System›. Anders als bei Prouvés eleganten Nissenhütten liessen sich mit diesem Konstruktionssystem für den Holzbau mehrere Haustypen ableiten, ohne dass zusätzlicher Entwicklungsaufwand nötig wurde. Wachsmann beschrieb nach industriellen Produktionsvorgaben eine Elementierung, die Fügungen senkrecht zueinander in alle drei Richtungen des Koordinatensystems erlaubte. Bis heute faszinieren die Verbindungen aus bis zu zwölf Elementecken, für die er eine steckbare, dreidimensionale Knotenkonstruktion erfand. Seine intensive Auseinandersetzung mit räumlichen Ordnungssystemen prägte den Begriff des Moduls: Modularität bedeutete für ihn die Überlagerung der im Hausbau relevanten Ordnungen und deren Koordination. So unterschied er zwischen dem Element- und dem Konstruktionsmodul, dem Installationsmodul und dem Modul der Planung. Die Vorstellung von einer gestaltgebenden Architektur verschwand dabei hinter einem ordnenden, räumlichen Gitter. In Europa wurde der Städtebau der Nachkriegszeit zur Reifeprüfung für modulares Bauen. Ohne eine ökonomisch geprägte Umsetzung des Systemgedankens wäre es kaum möglich gewesen, diese Bauproduktion geordnet zu bewältigen. Bis heute ist unsere Vorstellung von Modularität geprägt von Standardisierung, System und Vorfertigung. Die virtuosen Bauten eines Jean Prouvé hingegen wirken aus heutiger Sicht wie formstarke, technische Experimente. Erfindungsdrang, die Nähe zur Fertigung und die Fähigkeit, gängige Vorstellungen davon, was ein Haus ist, hinter sich zu lassen, werden aber auch künftig die Entwicklung modularen Denkens und Bauens mitbestimmen.

*Lucia Gratz ist selbständige Architektin und Autorin. Sie forscht seit 2015 zu Schweizer Systembauten der Nachkriegsmoderne.

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