WIR STEHEN UNS SELBER IM WEG

Rund 150 Gäste trafen an diesem warmen Vorsommerabend im Kornhausforum in Bern zusammen. Auf dem Programm stand der Städtebau-Stammtisch, eine Diskussionsreihe organisiert von Hochparterre, diese Austragung unterstützt von Modulart. Kathrin Merz vom Labor für Modulares Bauen stiess mit Gedanken zu «Inzwischen Wohnen» das Thema an.

Soll man Brachen, die erst in unbestimmter Zeit bebaut werden, mit temporären Bauten bestellen und besiedeln? Kathrin Merz sagt: «Warten lässt reifen.» Und wenn man sowieso warten muss, könnte man das Warten nutzen. Und so den Standort anreichern, durchmischen und erst noch etwas verdienen. Auch Bence Komlósi vom Verein Architecture for Refugees findet Zwischennutzungen sinnvoll. Sie können die Segregation von Migranten oder Asylsuchenden vermindern. Diese Menschen brauchen vorübergehend eine Unterkunft und sie nehmen diejenige, die man ihnen zur Verfügung stellt. Sie haben keine Möglichkeit, am Verwaltungsprozess teilzunehmen.

 

Temporär ist nur der Standort, nicht die Bauten

Das leuchtet im ersten Moment ein, doch lange noch hallen die Worte von Markus Mettler, Geschäftsführer von Halter, nach: «Das ist quatsch! Reden über temporäres Wohnen ist eine Stellvertreter-Diskussion.» Warum nicht die Planungsprozesse verkürzen, die Ansprüche zurücknehmen?, fragt er provokativ. Und manch einer gerät ins Grübeln. Die Basler Architektin Barbara Buser vom Baubüro in situ weiss: Wir bauen schneller, aber bei Zwischennutzungen gibt es keine langfristige Planung, und ja, es ist eine Frage des Standards, wie sich eine Überbauung rechnet. 40 Jahre dauert es, bis die temporären Bauten amortisiert sind. Da fragt sich die Zuhörerin: Sind 40 Jahre temporär? Sogleich reicht Buser nach, dass sich das Temporäre nur auf den Standort bezieht, nicht auf die Bauten.

Gaswerkareal Bern seit vielen Jahren brach

Das Gespräch kommt auf das Gaswerkareal in Bern. In den letzten acht Jahren hätten dort fünfzig Familien wohnen können, stellt Daniel Blumer von den Wohnbaugenossenschaften Bern fest. Es meldet sich der Berns Stadtpräsident Alec von Graffenried: Das Areal wird gerade von Altlasten befreit. Er könne sich denken, für temporäre Bauten Vorschriften zum Teil ausser Kraft zu setzen oder die Prozesse zu straffen. Markus Mettler hakt ein: Das ist ein Unrecht, alles auf die Prozesse abzuschieben, es sind die Menschen, die alles so in die Länge ziehen. Barbara Buser sieht das so, dass wir in unserer engen Schweiz gefangen sind mit unseren Ansprüchen. Mettler präzisiert: «Wir sind gefangen in uns selber.»

Markus Mettler hakt ein: Das ist ein Unrecht, alles auf die Prozesse abzuschieben, es sind die Menschen, die alles so in die Länge ziehen.

Daniel Blumer findet, Planer und Architekten sind in der Verantwortung. Und die Frage geht um, wo wir denn Abstriche machen sollen. Auf den Wettbewerb verzichten? Auf Mitwirkungsprozesse oder energetische Massnahmen? Das Fazit der Moderatorin Rahel Marti lautet nüchtern: Unbürokratisches und provisorisches Bauen geht nicht, aber vielleicht schneller Bauen und definitiv.

Zu hohe Ansprüche

Die temporäre Bauweise sagt noch nichts über die Qualität aus. Auch temporäre oder modulare Bauten werden so geplant, wie die Anspüche gestellt wurden und entsprechend ist ihre Lebensdauer. Aber wieviel Einfluss hat die Qualität solcher Gebäude auf den temporären Einsatz? Halten sie länger, sind sie öfter brauchbar. Warum nun einfache oder auch anspruchsvolle Häuser nicht unbürokratischer für eine limitierte Zeit hingestellt werden können, ist der Zuhörerin auch nach der Diskussion nicht klar. So gesehen ist die Argumentation des Halter-Chefs nachvollziehbar: Die Prozesse sollten vereinfacht und beschleunigt werden. Auf jeden Fall hat sein Input die Diskussion befeuert.

 

Die Diskussion geht weiter

Das Podiumsgespräch drehte sich um temporär versus dauerhafte Bauten, um Prozesse und Verfahren, doch wenig um das Potenzial von Brachen und um die zentrale Frage, wo der Nutzen des Wartens liegen könnte.
Bei Bier und Wurst danach blieb der Eindruck, dass die ökonomische Betrachtung, was mit unseren bebaubaren Landreserven geschieht, zu bestimmend ist. Diese Betrachtung ist auf den Moment der Planung und Bebauung eines Areals reduziert. Betrachten wir jedoch die Wertschöpfung eines Areals gesamtheitlich, und nicht nur im Moment der Investition, so lässt sich der ökonomische Nutzen für die Bevölkerung durch eine mehrjährige Aktivierung der Brache gar erhöhen. Wenn die Aktivierungszeit auch als Testnutzung verstanden wird, entsteht Identität und dies beeinflusst die Attraktivität der Brache. Das Interesse und damit die Nachfrage am Ort steigen. Davon profitierten am Ende alle – Bevölkerung, Investoren, Nutzende und die kommenden Generationen. Weiterdenken und umsetzten lohnt sich – mehr als abwarten!

Eine Antwort für “WIR STEHEN UNS SELBER IM WEG”

  1. Raphaël sagt:

    Was ist mit TinyHouses auf den brach liegenden Standorten?
    Zur Zeit als Wohnalternative grad in Citys gefragt.

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