WOHNUNGSNOT MACHT ERFINDERISCH

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2013 projektierte eine Gruppe junger Menschen in Heidelberg ein Wohnheim für 220 Menschen in Ausbildung. Sechs Jahre später steht die Finanzierung. So können diesen Sommer die Bauarbeiten für das «Collegium Academicum» beginnen: ein Pionierprojekt in verschiedener Hinsicht.
WOHNUNGSMODELL: dgj Architekten.

Eine 14 Quadratmeter grosse Holzbox machte seit Mai 2018 an verschiedenen Ecken der Heidelberger Innenstadt halt: das Modell eines von 176 Zimmern des «Collegium Academicum». Die Hälfte des Zimmers ist eine räumlich geschlossene Kernzone, in der sich Bett, Regale und ein Arbeitstisch – alles aus Holz – befinden. Die andere Hälfte ist flexibel nutzbar; sie kann offen bleiben und den Gemeinschaftsraum erweitern oder – mit einem Regal oder Tisch teilweise oder mit einer Wand komplett – abgetrennt und der Kernzone angeschlossen werden. Drei bis vier solcher Zimmer und ein Bad werden sich dereinst um die Gemeinschaftsfläche mit Küche einer WG gruppieren.

Das Zimmermodell im Massstab eins zu eins ermöglichte der Bevölkerung und potenziellen Kleininvestoren einen ersten Augenschein. Denn neben Fördermitteln und der Bankfinanzierung suchte die 30-köpfige Projektgruppe auch private Direktkredite, um den 16-Millionen-Bau zu ermöglichen.

Nachdem die Finanzierung nahezu gesichert ist, kann es losgehen: Um Platz für den Neubau zu schaffen, wird derzeit ein altes Klinikgebäude des Hospitals im Heidelberger Stadtteil Rohrbach abgerissen. Auf einer Bodenplatte, die als nächstes betoniert wird, entsteht bis Ende 2020 ein viergeschossiges Gebäude in vorgefertigter Holzbauweise. Die Wände und die Decken werden elementweise vorgefertigt. Vorgefertigt sind auch die Fassade, die Aussenwandelemente inklusive Fenstern und die komplett ausgestalteten Sanitärmodule. Die Möbel und die Trennwände bauen die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner selbst: aus ökomischen Gründen, aber auch um die Gemeinschaftsidee zu stärken. Dazu wird eine CNC-Fräse im Erdgeschoss aufgestellt. Auch die Aussenanlage und den Dachgarten werden die Studierenden in den kommenden Jahren selbst bepflanzen. Die Miete für ein Zimmer wird bei rund 300 Euro (inklusive Heizkosten) liegen. Geplant sind auch eine Aula, ein Multifunktionsraum mit Küche für interne und externe Veranstaltungen sowie eine Werkstatt als Lernort. Ein ehemaliges Verwaltungsgebäude wird später umgebaut und soll weiteren fünfzig Studierenden oder Auszubildenden Wohnraum bieten.

Die Idee für das Projekt ist am Esstisch einer Studenten-WG entstanden (siehe Interview). Im Zentrum steht die Idee, gemeinschaftlich zu wohnen, Freiräume zu schaffen, sich interdisziplinär auszutauschen und kostengünstig zu leben. Doch auch Nachhaltigkeit wird gross geschrieben: Die Architekten und Planer haben Holzkonstruktionen entwickelt, bei denen der statische Verbund aus der Fügung des Materials entsteht. Das Holz wird auch für den konstruktiven Brandschutz herangezogen und weitgehend unverkleidet bleiben. Design for Disassembly nennt sich der Ansatz, der es erlaubt, Konstruktionen zerstörungsfrei umzubauen, rückzubauen und wiederzuverwenden.

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Das Zimmermodell im Massstab eins zu eins ermöglichte der Bevölkerung und potenziellen Kleininvestoren einen ersten Augenschein.
BILD: dgj Architekten.

Design for Disassembly berücksichtig bereits beim Konstruieren eine spätere Demontage.

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