«ZUERST GING ES UM GEMEINSAMES LERNEN UND UM FREIRÄUME»

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Interview: Marion Elmer

Wie hat das Projekt seinen Anfang genommen?

Franziska Meier: Ich wohne seit vielen Jahren mit zehn anderen Studentinnen und Studenten in einer Hausgemeinschaft in der Altstadt von Heidelberg. Das war von Anfang an sehr inspirierend: Wir haben zusammen gekocht und im Hof gesessen. Und da wir alle in ganz verschiedenen Bereichen studierten – ich selbst bin Historikerin und promoviere mittlerweile –, entdeckten wir, wie spannend es ist, interdisziplinär zu diskutieren und zu lernen.
Einige der ersten Mitbewohner waren 2009 im Bildungsstreik aktiv: Diese Bewegung setzte sich für freie Räume ohne grosse Hierarchien ein, in denen Initiativen entstehen können. An diese Forderung knüpfte einige Jahre später die Konzeptionierung des Collegium Academicum (CA) an. Zuerst ging es uns also ums gemeinsame Lernen und um Freiräume dafür. Der Aspekt der günstigen Miete wurde erst im Laufe des Projekts wichtiger.

Nachhaltigkeit spielt bei Ihrem Projekt eine wichtige Rolle. Hätte man das bestehende Gebäude, das nun abgerissen wird, nicht umnutzen können?

FM: Im Klinikgebäude aus den 1950er-Jahren, das derzeit abgerissen wird, wurden viele Schadstoffe mitverbaut. Die beiden anderen Bestandsbauten, die wir umnutzen, sind in den 1930er-Jahren entstanden und weniger schadstoffbelastet.
Punkto Nachhaltigkeit versuchen wir, verschiedene Strategien zu fahren: Um die Produktion möglichst energiearm zu gestalten, haben wir uns für einen Holzbau entschieden. Die Gebäudehülle wird im Passivhaus-Standard geplant, damit wir möglichst wenig Heizenergie brauchen. Wir sind am städtischen Fernwärmenetz angeschlossen, und aufs Dach kommt eine Photovoltaik-Anlage. Auch wollen wir das Nutzerverhalten adressieren: Flächen werden nicht privat, sondern gemeinschaftlich genutzt – wir wollen keinen Leerstand. Es wird auch eine Werkstatt geben, in der man Dinge reparieren kann, anstatt sie wegzuwerfen.

Für das 16-Millionen-Projekt haben Sie zusammen mit der rund 30-köpfigen ehrenamtlichen Projektgruppe private Direktkredite eingeworben. War die Art der Finanzierung von Anfang an so geplant?

FM: Ja. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, möglichst unabhängig von Institutionen zu sein. Wir wollten nicht, dass das CA irgendwann verkauft wird oder ein Investor nach langer Projektierung entscheidet, es werde nun doch nichts daraus. Deshalb traten wir dem Mietshäuser Syndikat bei. Dieser Dachverband ist auch Gesellschafter unserer GmbH, hat aber nur in bestimmten Angelegenheiten wie Hausverkauf oder Satzungsänderungen ein Vetorecht. Sonst regeln wir alles selbst. Mit dem Entscheid für das Mietshäuser Syndikat ergab sich auch das Finanzierungsmodell: Wir stellen zwei Millionen Euro in Form privater Direktkredite bereit und erhalten knapp drei Millionen Euro Fördermittel von Bund, Land und Stadt. Auf dieser Grundlage vergibt die Bank uns einen zinsvergünstigten Kredit für nachhaltiges Bauen in der Höhe von elf Millionen Euro.

Das CA soll dereinst selbstverwaltet sein und basisdemokratisch funktionieren. Welche Strukturen braucht es dazu?

FM: Wir setzen uns derzeit intensiv mit der Struktur und möglichen Gremien auseinander. Braucht es eine freiwillige Selbstverpflichtung? Gibt es eine Hausordnung? Es wird sicher einen Wohnheimsverein geben, in dem alle Wohnenden Mitglied sind. Der Verein ist neben dem Mietshäuser Syndikat Hauptgesellschafter unserer GmbH. Die Mitgliederversammlung wird alles bestimmen und delegiert Personen in die notwendigen Gremien. Verschiedene Fragen, etwa zur Raumvergabe oder zum Aussenbereich, werden in diesen Gremien geklärt. Die Geschäftsleitung liegt bei der Collegium Academicum GmbH, die das Haus auch besitzt.

Wie reagiert die Bevölkerung auf Ihr Projekt?

FM: Generell erhalten wir positive Rückmeldungen. Dank dem Zimmermodell konnten wir unsere Idee breit bekannt machen. Es entstand im Zuge einer Zwischenausstellung der Internationalen Bauausstellung Heidelberg, die unter dem Thema «Wissen schafft Stadt» von 2012 bis 2022 läuft. Unser Projekt passt perfekt dazu.
Wir sprechen mit unserem Projekt auch explizit junge Auszubildende an, nicht nur Studierende. Damit kommen wir ganz gut an.

Werden Sie selbst noch in das fertige Haus einziehen können?

FM: Der Neubau soll Ende 2020 fertig sein. Das Förderinstrument Variowohnen des Bundes gibt uns vor, dass nur Menschen in Ausbildung dort wohnen dürfen. Einige Plätze sind davon ausgenommen, damit wir Personen, die das Projekt massgeblich mittragen, Wohnraum anbieten können und damit eine gewisse Konstanz haben. Ich promoviere voraussichtlich in einem Jahr, würde aber gerne noch miteinziehen.

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